26.01. - 02.03.2023

GRAPHIK

Wolfgang Petrick - Ulrich Reimkasten - Mathias Roloff

 

Vernissage
Donnerstag 26. Januar 2023, 17:00-21:00 | 19:00 offizielle Einführung

„Beim Zeichnen entsteht das Reservoir eines Künstlers, es ist sein Atmen.“ (Ulrich Reimkasten) — Im Vollzug einer Linie auf weißem Papier formulieren sich Empfindungen, Figuren, Motive vergleichbar wie Gedanken beim Ringen um Worte. Immer wieder in einen Ursprung aus Nichts gestellt, ist das Zeichnen Suche und Selbstreflexion. Zugleich fordert es immer auch die Auseinandersetzung mit der Realität als „Vor-Bild“ bei der Übertragung von den Augen zur Hand des Künstlers. Diese Überlegungen zur Zeichnung inspirieren diese Ausstellung. Die Gegenüberstellung von Wolfgang Petrick, Ulrich Reimkasten und Mathias Roloff verleihen dem eine kunsthistorische Tiefe, denn es begegnen sich hier Künstlerpersönlichkeiten aus drei Generationen mit drei grundverschiedenen „deutsch-deutschen“ Biographien: 

 

WOLFGANG PETRICK, 1939 in Ludwigsfelde/ Genshagen geboren, zog mit zwölf Jahren nach West-Berlin und machte hier seinen Weg als einer der namhaften Berliner Maler und Objektkünstler sowie von 1975 bis 2007 als Professor an der Hochschule der Bildenden Künste. 

ULRICH REIMKASTEN, 1953 in Lichtenstein (Sachsen) geboren und von 1995 bis 2018 Professor für Malerei und Textile Künste an der Halleschen Kunsthochschule Burg Giebichenstein, bewies sich schon als Student und wirkender Künstler in der DDR als eigensinniger Kosmopolit. 

MATHIAS ROLOFF ist 1979 in Ost-Berlin geboren und dort aufgewachsen und steht für die Kunstschaffenden einer Generation, die in ihrem Jugendalter bereits in das wiedervereinigte Deutschland hineinwuchs. Ab 2000 Student der Malerei und Graphik an der Universität der Künste Berlin, absolvierte er 2006 seinen Meisterschüler bei Volker Stelzmann. 

 

Die in der Ausstellung gezeigten Graphiken umfassen eine große Varietät an Materialien und Techniken, von klassischer Bleistiftzeichnung, Siebdruck und Radierung über Photogravure, Text-Bild-Collage und Integration digitaler Pigmentdrucke bis hin zu Fingerzeichnungen mit Lehm oder der Tinte von Pilzen. 

 

Hintergründe zu den Künstlern und ausgestellten Werken 

 

WOLFGANG PETRICK begann seinen künstlerischen Werdegang in den 1950er Jahren im Umfeld von Lehrern, die dem Bauhaus, abstrakten Expressionismus, Surrealismus, der gestischer Malerei und Art Brut nahestanden. Neben 15 weiteren Berliner Künstlern, darunter Karl Horst Hödicke und Markus Lüpertz, war er 1964 Gründungsmitglied der Ausstellungsgemeinschaft „Großgörschen 35“, die eine Unabhängigkeit von institutionalisierten Marktstrategien anstrebte. In Abgrenzung zu den etablierten Strömungen begründete Petrick gemeinsam mit Hans-Jürgen Diehl und Peter Sorge den „Kritischen Realismus, der es sich zum Ziel gesetzt hatte mit der Borniertheit und den Zwängen der deutschen Nachkriegsgesellschaft aufzuräumen“ (Harald Falckenberg). Obwohl er sich in den späten 1970er Jahren von diesem Projekt distanzierte, ist darin ein bleibendes Statement zur Aufgabe „realistischer“ Kunst konserviert: der Appell an die Reflektion des Künstlers auf die Verwerfungen und Krisen seiner Zeit, auf die Veränderungen und Deformationen, die den Einzelnen wie auch die Gesellschaft betreffen. Bereits als junger Künstler beschäftigte er sich intensiv mit der Sammlung Prinzhorn, einer der umfangreichsten Sammlungen der Kunst von psychisch Kranken. Der Stellenwert seiner künstlerischen Arbeit in dieser Richtung wurde 2011 mit der Beteiligung an der Ausstellung „Von Kirchner bis heute. Künstler reagieren auf die Sammlung Prinzhorn“ gewürdigt. Für Alexander Tolnay begegnen wir bei Petrick „Zuständen einer an Banalitäten und wachsender Gewalt leidenden Welt“ (ebd.) Obwohl in den intensiven, geladenen Bildern so vieles laut wird, was beunruhigt — Globalisierung, Asyl, Gentechnik, ökonomische Krisen, Disziplinierung von Geist und Körper, Selbstoptimierung, Hoffnungen, Sehnsüchte, Ängste, Einschläge, Verfall — so folgt man ihnen nur ganz, wenn man versteht, dass in allem Ungenießbaren, Unbehaglichen ein eigentümlicher Reiz liegt: die „Poesie der rätselhaften Dinge, die die Erinnerung an etwas bewahren, das einmal eine Bedeutung für die Menschen hatte“ (zit.n. Wolfgang Petrick, ebd.), denn es waren die Ästhetik und die Intelligenz des Menschen, die diese Dinge schuf. 

 

ULRICH REIMKASTEN begann seinen künstlerischen Werdegang mit der Ausbildung zum Muster- und Textilzeichner und der frühen Auseinandersetzung mit mit textiler Kunst und Ornamentik verschiedener Hochkulturen, insbesondere mit vorderasiatischen Teppichen. 1974 beschloss er sein Studium an der Fachhochschule für Angewandte Kunst in Schneeberg (Erzgebirge) als Textilgestalter. Nach dem daran anschließenden Diplomabschluss an der Burg Giebichenstein 1980 arbeitete er als freiberuflicher Künstler in Berlin. Von 1985 bis 1988 war er Meisterschüler der Akademie der Künste der DDR bei Herbert Sandberg. Im SEPIA-Institut für Textile Künste, An-Institut der Burg Giebichenstein, das Reimkasten 2010 gründete, wirken seine lebenslangen Bemühungen um die Wahrung und Weiterentwicklung der textilen Künste, speziell des Bildteppichs fort.

Bereits in den frühen eigenständigen Zeichnungen der 1980er Jahre (Auswahl in der Ausstellung) verweigert sich Reimkasten dem sozialistischen Ideal „realistischer“ Darstellung, dem zufolge die Kunst einer vorbildhaften Wirklichkeit oder Ideologie zu schmeicheln habe. Seine Zeichnungen geraten zu „letalen Begegnungen von Tier und Mensch“ (Alexander Haeder, in: Zeichnung. Tapisserie. Malerei. Ulrich Reimkasten, 2005), es geht um Aufruhr, Erotik , Zeugung, Sterblichkeit und die latent gefährdete Balance zwischen Mensch, Natur und Geschichte. Lange vor der intensiven Auseinandersetzung mit paläolitischen Höhlenzeichnungen (1992-96 Reisen nach Frankreich und Spanien) und dem Leben indigener Völker (ab 1996 vier Reisen zu den Tarahumara, Sierra Madre, Mexiko) unternimmt der Künstler Experimente mit selbst gefertigten Malmitteln, zum Beispiel Beizen aus Naturstoffen und gelösten Quarz- und Steinmehlen, Lehm oder sogar der Tinte von Pilzen. Seine Liebe zur Materialität und Verdichtung der Bildoberfläche zeigt Parallelen zu Wolfgang Petrick. Hinter der obersten „Haut“ der Graphiken verbergen sich Notizen/ Textbotschaften, Zitate prähistorischer Ikonographien oder ornamental verschlungene Menschen und Tierwesen. Themen wie die Verkünstlichung der Welt und die fortschreitende Regulierung von Natur und Mensch in der Neuzeit setzt Reimkasten in Bezug zu universalen Mythen und der Idee einer genetischen Verkettung von Kultur und Natur. „Letztendlich interessiert mich das Widernatürliche, die Widernatürlichkeit unserer Welt.“ (Ulrich Reimkasten)


MATHIAS ROLOFF entwickelte während des Studiums der Malerei und Graphik an der Universität der Künste Berlin (2000-2006) ein besonderes Interesse für die Maltraditionen der flämisch-niederländischen Landschafts- und Stilllebenmalerei des 16. und 17. Jahrhunderts und des Manierismus sowie, hierzu auf den ersten Blick entgegengesetzt, Paul Klees Theorie zur Abstraktion von Farbfeldern und magischen Quadraten. Sein reifer Stil finalisiert die Verbindung und Weiterentwicklung dieser Traditionslinien in der Konfrontation mit surrealistischen Prinzipien: die Konstruktion dystopischer, fantastischer Welten und die Absage an das Normalmaß von Zeit und Raum. Stattdessen scheint es um die Erfindung einer Welt zwischen Wirklichkeit und Traum zu gehen, vielleicht gar um die Erfindung neuer Mythen? — 2002 arbeitete Roloff als Assistent für Bühnenbild an der Berliner Staatsoper. Christoph Tannert spricht in diesem Zusammenhang von einem „Denken und Bilden aus der Farbe, aus dem Material“ heraus, das dem Figürlichen immer eine Chance lasse (in: Alles muss in der Luft stehen. Mathias Roloff, 2020). In der Ausstellung sind Graphiken aus Werkserien zu sehen, die Kompositionen menschlicher Figuren, ihre Gesten, Bewegungen und Interaktionen zeigen. Die Figuren sind oftmals derart verdichtet, dass die Bewegungslinie der einen die Konturen aller anderen zu erzeugen scheint. Sie bilden eine eigene wandlerische Gestalt. Vielleicht sprechen daraus die „Abhängigkeiten, denen das menschliche Individuum in seinem Handeln unterliegt“, äußere Einflüsse und eigenen Wertvorstellungen — ein Thema, das den Künstler immer wieder beschäftigt und das die Brisanz des Unsicherwerdens von Kategorien wie Identität, Wahrheit und Zukunft in Erinnerung ruft, die von der Digitalisierung und Globalisierung im 21. Jahrhundert weiter vorangetrieben werden.