Corona Intra View no.9: Marek Benczewski

Ich gehe davon aus, dass alle im Bilde sind, und ich der letzte bin, der auf die Idee gekommen ist, daran zu erinnern. 

Zu erinnern daran, dass die sogenannte Corona-Krise keine gesonderte und spezielle ist, sondern einfach eine „andere" - als eine neue Metastase eines etwa 300 Tausend Jahre dauernden Notstandes.


Neuste Entdeckungen lassen vermuten, dass wir uns zu damaliger Zeit das Pseudonym „sapiens“ zugelegt haben.


Wir sind nicht schuld daran, es hat sich einfach so ergeben.


Mit dem Wort „wir“ gibt es freilich ein Problem. Denken wir bei diesem Wort an unsere asiatischen „wir“? An unsere afrikanischen und südamerikanischen „uns“?

Wie auch immer - die Fähigkeit zu taktieren, trieb uns durch die Jahrhunderte in ständig neue Defizite an einer beruhigenden, universellen Lösung.

Wir begriffen, ordneten, oder bildeten Systeme, die - genauer betrachtet - schon immer ein Desaster waren. 


Die so gelobte Konsensfähigkeit der Menschen führte hauptsächlich zu Verbesserungen auf Kosten von Verschlechterungen. Für Verbesserungen ohne Verschlechterungen müsste es einen Zwang geben, wodurch ein permanenter Überhang zum Nachteiligen herrscht. 

Ein Einfallsreichtum an Täuschungen half uns bisher, eine Zuversicht zu behalten, zumindest vorläufig. 


Das dreihunderttausend Jahre alte Dilemma entwickelte sich gemächlich analog von einer Katastrophe zur anderen, bis es schließlich die globale digitale Fraktalisierung, die erst am Anfang steht, erfasste, und die von uns bevölkerten Systeme zum Glühen brachte.


In diesen Systemen sind wir zu Hause. Mehr: Wir sind ihr aktiver und zugleich ein, paradoxerweise, passiver Teil.


Und nun: Wollen wir uns wirklich sagen, dass uns der Virus-Überfall überrascht hat? Nein, eine gewisse Ratlosigkeit überraschte uns lediglich.


Wir haben uns an den Terrorismus als systemimmanent, und ebensolche Ratlosigkeit damit fertig zu werden, längst gewöhnt. 


So werden wir uns an die Vermehrungsgelüste der Viren gewöhnen müssen, auch wenn sie gründlich doof sind und gar nicht begreifen, was sie tun.

Sie haben einen entscheidenden Vorteil uns gegenüber: Sie haben ein Programm, aber kein System, das sie verwalten, und das sie verwaltet.


Was hat Kunst damit zu tun? Generell NICHTS. Möchte die Kunst sensibel, oder unsensibel, vorausschauend, oder blind sein, die nächste Metastase generiert sich bereits.


Im Einzelnen schon - viele Kunstschaffende treiben am Rande des Ruins. Dennoch: Ich glaube, ich hoffe, dass der sogenannte Lockdown viele neue, überraschende Wendungen, oder gar Energien in der Kunst angestoßen hat. 


Und was machen mit dem System? Eine Schande - Viren mutieren, unsere Systeme laufen gegen die Wand. Es sind unsere Systeme, die uns nicht mögen.

Was tun? Vielleicht mit dem „Wir“ beginnen.


Was tue ich als Künstler? Ich lasse mir doch nicht von einem irren Virus diktieren, was ich zu tun und zu zeichnen habe.

Covid-19, ein primitives Etwas - ein Strass, ein krankes Ornament, eine billige Dekoration,  außerhalb jeglicher Deutungen.


Aber „Stillstand“ - welch ein reizendes Wort voll von Rätseln, Energien, Handlungen, Revolten und Verheißungen. Ich bin dabei.


Marek Benczewski, Mai 2020




On the occasion of the Corona Intra Views, we offer three graphics by Marek Benczewski via the gallery.

Inquiries please to Christian Kneisel (christian.kneisel@feinart-berlin.de / +49 157 38782854) or Maria Wirth (maria.wirth@feinart-berlin.de / +49 172 1642919).

Marek Benczewski
Der entbundene Fisch
Pigment liner, acrylic ink auf Fabriano paper, 11 x 16cm, 2020
200€

Marek Benczewski
Stillstand ist Arbeit
Pigment liner, powder colors, acrylic ink, pencil and color pencil on Fabriano paper, 70 x 100cm, 2020

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Marek Benczewski

Zwei Geburten
Pigment liner, pencil on Fabriano paper,
11 x 16cm, 2020

200€


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