Corona Intra Views no.1: Stefan Roloff

feinart berlin: Lieber Stefan, wie geht es Dir aktuell?

Stefan Roloff: Ich habe ein Gefühl äußerster Ruhe wegen der vielen Zeit, die mir zur Verfügung steht, gemischt mit einer unterschwelligen Nervosität, dass diese Zeit plötzlich vorbei sein könnte – in welcher Form auch immer.

fb: Wie gestaltest/organisierst Du angesichts der pandemiebedingten Restriktonen Deinen beruflichen Alltag?

SR: Ich arbeite in jeder freien Minute, von mittags bis spät nachts.

fb: Wie beurteilst Du mediale Berichterstattungen über die aktuelle Situation von KünstlerInnen?
SR: Ich folge ihnen nicht, weil ich glaube, dass diese Situation eine individuelle Herausforderung für jeden einzelnen bedeutet, die man nicht generell zusammenfassen kann. Ich bevorzuge es, mit befreundeten Künstlern in Kontakt zu sein, als mir in Medien darüber Definitionen des Moments zu holen.

fb: Haben sich Kommunikationen in Deinem KollegInnenkreis in den letzten Wochen verändert? 

SR: Ich finde, dass besonders die Kommunikation mit Freunden und Kollegen in anderen Ländern häufiger stattfindet, als sonst. Geographische Distanzen sind durch die soziale Distanz absurderweise damit aufgehoben.

fb: Hat sich Deine künstlerische Arbeit aufgrund der Entwicklungen der letzten Zeit inhaltlich und strukturell, im Hinblick auf Intensität und Arbeitseinsatz verändert? 

SR: Ich glaube, dass dies ein Moment äußerster Freiheit und Konzentration ist. Ich mache in dieser Zeit Dinge, die ich seit Jahren geplant hatte. Ich arbeite ausserdem im Bewusstsein, dass ein Kunstwerk nie einen Moment illustriert, sondern es spiegelt ihn. Wenn es das tut, wird es über den Moment hinaus Bedeutung für spätere Momente haben. Welche Bedeutung haben zum Beispiel meine Projekte über die Berliner Mauer, eine Trennlinie zwischen Menschen, oder Fireball, ein zerstörter Planet, der in unser tägliches Leben eingebaut ist, in dieser oder in der nächsten historischen Phase? Ich denke, wenn sie nicht über die Grenzen des Moments ihrer Schöpfung hinaus Bedeutung haben, sind es keine Kunstwerke.

fb: Sind die zur Zeit bekannten staatlichen Hilfen für KünstlerInnen ausreichend?

SR: Absolut nicht, den KünstlerInnen wird zur Zeit vorgeschlagen, sich für Hartz 4 oder entsprechende Sozialmaßnahmen zu bewerben, und das kann nicht jeder. Ich kann es zum Beispiel nicht. Für mich gibt es momentan absolut keine Förderung.

fb: Müssen Kommune, Land, Bund, EU weitere, andere Unterstützungen für KünstlerInnen konzipieren und umsetzen? 

SR: Ein schöner Gedanke, von dem das bürokratische Denken vermutlich restlos überfordert ist.

fb: Ist es im Hinblick auf Hilfen, Förderungen wichtig, lokal oder/ und national oder/und europäisch zu denken und zu handeln? 

SR: Wenn wir so weit sind, europäisch zu denken, wäre das ein guter Schritt. Im Moment sehe ich, dass meine spanischen Freunde seit Wochen absolute Quarantäne haben, während sich in Kreuzberg Leute an Eisdielen ohne Abstand anstellen, als wäre nichts.

fb: Was hältst Du von der Überlegung, „eine Solidarabgabe für Kulturschaffende“ einzuführen?

SR: Sehr viel – das entspräche ja auch einer Prozent-für-Kunst-Regelung beim Bau öffentlicher Gebäude. Nur bleibt die Frage: Wie wird am Ende damit umgegangen? Zum Beispiel: Weil ich fast mein ganzes Leben im Ausland verbracht habe, habe ich es verpasst, in die Künstlersozialkasse (KSK) einzutreten. Das darf man aber nur bis 55, was mir absolut unverständlich ist. So kenne ich viele Leute in der KSK, die alles andere als Künstler sind, aber ich selbst, der ich mein ganzes Leben, inklusive der damit verbundenen Risiken, nur der Kunst gewidmet habe, bin nicht darin.

fb: Wie sieht Dein Blick in die (nähere) Zukunft aus?

SR: Ich will diesen Moment für meine Arbeit maximal nutzen. Ich lebe jetzt, und diese Zeit wird meine Arbeit automatisch mit beeinflussen. Aber, wie ich oben bereits erwähnte – ich werde die Zeit nicht illustrieren. Ich arbeite in ihr und werde deshalb automatisch ihre psychologische und damit zeitlose Realität spiegeln.


fb: Wie wird sich Deine berufliche Situation in den nächsten Wochen und Monaten voraussichtlich entwickeln?

SR: Hoffentlich werden sich in der neuen Situation Formen ergeben, Verkäufe zu generieren – vor allem um die Kontinuität neuer Arbeiten zu finanzieren. Denn ein Verkauf von Kunst ist nicht einfach nur Geld, um Rechnungen zu bezahlen. Er ist vor allem ein Impuls zum Arbeiten. Menschen, die Kunst kaufen, hängen sich nicht nur Ideen an ihre Wände, sie tragen auch aktiv zur Schöpfung neuer Ideen bei.

fb: Wie schätzt Du Deine beruflichen Chancen und Probleme nach Ende der Pandemie ein?

SR: So wie vorher – wenn es gute Ideen gibt, wird für sie auch Raum da sein. Es gibt nie Garantien. Frank Capras Karriere war nach dem 2. Weltkrieg vorbei, weil eine völlig neue Zeit angebrochen war, in die seine Art des Arbeitens nicht mehr passte, die Karriere von Picasso ging weiter. Es hängt davon ab, wie man das Verhältnis zwischen dem eigenen Unterbewusstsein und der aktuellen Realität ausbalanciert, und das ist ein intuitiver Prozess.


fb: Wie wird sich der Kunstbetrieb (Galerien, Messen, öffentliches Ausstellungswesen, staatliche Förderungen) in den nächsten Monaten und Jahren entwickeln? 

SR: Das hängt von den Konzepten ab, die Einzelne für die neue Welt, in der wir noch lange leben werden, entwickeln.


fb: Wird die derzeitige Krise zu einer nachhaltigen Veränderung des Kunstlebens führen?

SR: Ich glaube ja, denn die Gesellschaft wird nicht mehr genau so sein, wie sie das vorher war.


fb: Welche Auswirkungen wird die aktuelle Situation auf junge KollegInnen, auf Kunsthochschulen und –akademien haben? 

SR: Zweifellos dieselbe wie immer: Man verlässt die Akademie mehr oder weniger vorbereitet und muss eine Form finden, sich in der Welt, die man betritt, zu behaupten. Was viele Menschen übersehen, ist, dass die größte Zerstörung von Künstlern in den Akademien stattfindet und nicht nachher, und das ist Teil der menschlichen Tragödie – es hat nichts mit Corona zu tun. 

On the occasion of the Corona Intra Views, we offer three lightfast inkjet prints by Stefan Roloff on handmade paper via the gallery.

Inquiries please to Christian Kneisel (christian.kneisel@feinart-berlin.de / +49 157 38782854) or Maria Wirth (maria.wirth@feinart-berlin.de / +49 172 1642919).

Stefan Roloff - VOPOTS 01
# InkJet on Hahnemuehle Bütten, 33 x 48cm, 2017, edition: 12 (6 print / 6 artist's print), each 2000€

# InkJet on Hahnemühle Studio Enhanced, 111,5 x 138cm, 2017, edition: 6 (3 print / 3 artist's print), each 4000€

Stefan Roloff - Vopanzer
# InkJet on Hahnemuehle Bütten, 33 x 48cm, 2017, edition: 12 (6 print / 6 artist's print), each 2000€

# InkJet on Hahnemühle Studio Enhanced, 111,5 x 138cm, 2017, edition: 6 (3 print / 3 artist's print), each 4000€

Stefan Roloff - Vokatz
# InkJet on Hahnemuehle Bütten, 33 x 48cm, 2017, edition: 12 (6 print / 6 artist's print), each 2000€

# InkJet on Hahnemühle Studio Enhanced, 111,5 x 138cm, 2017, edition: 6 (3 print / 3 artist's print), each 4000€

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