Corona Intra View no.6: Boriana Pertchinska

feinart berlin: Wie geht es Dir aktuell?

Boriana Pertchinska: Ich bin neugierig. Das Gefühl, dass eine große Metamorphose auf jeder Ebene passiert, macht mich aufgeregt.

fb: Wie gestaltest/organisierst Du angesichts der pandemiebedingten Restriktionen Deinen beruflichen Alltag?

BP: Für mich und meinen Alltag hat sich nicht so viel nach den pandemiebedingten Restriktionen geändert. Ich male, denn ich weiß, dass dies stärker ist als alles andere. Dies ist meine Art, zu leben und das Leben zu verarbeiten. So mache ich stets weiter, auch jetzt.

fb: Erachtest Du den Lockdown im gesamten Kunstbetrieb als angemessen?

BP: Zumindest aktiviert der Lockdown den Kunstbetrieb, andere Formen zu überlegen, die für die Zukunft wichtig sind. 


fb: Wie beurteilst Du mediale Berichterstattungen über die aktuelle Situation von KünstlerInnen?

BP: Die sind sehr „wach“....

fb:  Haben sich Kommunikationen in Deinem Kolleginnenkreis in den letzten Wochen verändert?

BP: Ja, wir sehen uns fast nicht, aber viele Kollegen zeigen Online live ihren Arbeitsprozess. So kann man auch einen Austausch realisieren.
 

fb: An was arbeitest Du gerade?

BP: An zwei Serien: „Fixation“– eine neue Serie – in der ich die Welt von einem fixierten Standpunkt aus beobachte…. und „TransForm – Antinomen“. An dieser arbeite ich seit drei Jahren, und sie betrifft auch die aktuelle Situation. Dabei beschäftige ich mich mit der Einheit der Gegensätze – der Materie und des Geistes, des „Innen“ und des „Außen“ – in einem visuellen Konstrukt-Dyptichon, mit dem Ziel, die konkrete Form in ihre Spiegelung zu abstrahieren und trotzdem die Einheit zu behalten. Ich zeige die introvertierten Emotionen in einer extrovertierten Spiegelung. Mit dem Mittel der vielschichtigen Malerei tauche ich in diese vielfältige Materie ein: ein unendlicher Prozess von Anhäufen/Ansammeln, Zerstören und Reorganisieren in einer neuen, hybriden TransForm. 

Ich male Bilder, die die Betrachter fesseln, ihn immer wieder aufs Neue auf Entdeckungsreise schicken sollen. Das ist meine Kunstposition, als Kontrapunkt zu den hektischen Zeiten, in denen wir leben.

fb: Hat sich Deine künstlerische Arbeit aufgrund der Entwicklungen der letzten Zeit inhaltlich und strukturell, im Hinblick auf Intensität und Arbeitseinsatz verändert?

BP: Ich bin von der Situation beeinflusst. Mehr oder weniger habe ich schon früher intuitiv gespürt, dass es zu so etwas kommt und es zu der einen oder anderen Form von Veränderung führt. Die Serie „TransForm – Antinomen“, an der ich seit drei Jahren arbeite, reflektiert diesen Prozess der „innerlichen“ Reorganisation in seiner „äußerlichen“ Spiegelung. Meine Intensität hat sich nicht geändert, ich arbeite wie immer – die Bedeutung des Wortes „Arbeitstag“ in einem Gegensatzpaar existiert für mich als Künstlerin nicht. Ich bin 24 Stunde aktiv, wenn ich nicht male, denke ich über die Werke nach, an denen ich gerade arbeite, und die Ideen, die ich realisieren will. In der Nacht träume ich davon. Ich vertiefe mich in den Arbeitsprozess und analysiere ihn sehr viel.

fb: Sind in absehbarer Zeit Ausstellungen mit Deinen Werken geplant?

BP: Ja, in Berlin und in Sofia in der Galerie des Auslandsministerium der Bulgarischen Republik im Herbst.

fb: Wurden Ausstellungen unter Hinweis auf die Pandemie abgesagt oder verschoben?

BP: Ja, leider wurden zwei Ausstellungen verschoben, eine ins nächste Jahr.

fb: Haben sich durch die Folgen des Corona-Ausbruchs wirtschaftliche Rahmenbedingungen entscheidend verändert?

BP: Noch nicht total radikal.

fb:  Müssen Kommune, Land, Bund, EU weitere, andere Unterstützungen für KünstlerInnen konzipieren und umsetzen?

BP: Das finde ich notwendig. 


fb: Ist es im Hinblick auf Hilfen, Förderungen wichtig, lokal oder/und national oder/und europäisch zu denken und zu handeln?

BP: Für mich ist die europäische Sache am wichtigsten und "alle Künstlerinnen und Künstler in Europa sollten gleiche Unterstützung bekommen“.


fb: Was hältst Du von der Überlegung, „eine Solidarabgabe für Kulturschaffende“ einzuführen?

BP: Ja, das finde ich gut. Kultur und Kunst brauchen immer Mäzene und Unterstützung zu allen Zeiten und in jeder Form.

fb: Wie sieht Dein Blick in die (nähere) Zukunft aus?

BP: In „Interessanten“ Zeiten wachsen interessante Ergebnisse. Das, was die Corona-Krise katalysiert hat, ist ein Prozess, der schon lange angefangen hat. Und das, was mit der Welt passiert, ist eine Spiegelung einer inneren spirituellen Krise. Wir leben in der „Fast-Food-Zeit“ – Konsum von billig und schnell produzierten Dingen in jedem Bereich des Lebens, permanenter Reiz, um zufrieden zu sein. Mit einer technischen Einstellung und Verständnis von der Welt, verlieren wir unsere emotionale Sensibilität. Wir sind nicht mehr gewöhnt, langsam zu leben, zu genießen. Corona hat uns unerwartet gestoppt und uns in ein tête à tête mit sich selbst gebracht. Das ist mein Fazit, das ist es, was wir gewonnen haben. Jeder ist mit sich selbst für eine Weile allein geblieben und die Menschheit muss wieder lernen, langsam zu leben und mit weniger zufrieden zu sein. Für mich ist die Corona-Krise ein Symbol der Entfernung von der Normalität.
 

fb: Wie wird sich Deine berufliche Situation in den nächsten Wochen und Monaten voraussichtlich entwickeln?

BP: Ich bleibe aktiv, versuche, weiter Ausstellungen zu planen.

fb: Wie schätzt Du Deine beruflichen Chancen und Probleme nach Ende der Pandemie ein?

BP: Für die Künstler ist es nie einfach. Die Kontakte, die ich beruflich mit den Galerien, Institutionen etc. habe, versuche ich, weiter zu pflegen und aktiv zu bleiben, damit ich bessere Chancen in der Zukunft habe.
 

fb: Wird die derzeitige Krise zu einer nachhaltigen Veränderung des Kunstlebens führen?

BP: Diese Krise und das gilt für jede Krise, zeigt Defizite auf, zeigt auf, dass wir eine Veränderung brauchen. Sie ist zugleich eine Quelle der Inspiration für Künstler, egal welchen Preis wir dafür bezahlen. Eigentlich sind wir Künstler der Lackmus der Gesellschaft – mit unserer Sensibilität und Intuition. Ich bin auch gespannt, welche Form das Ganze annehmen wird. Die Erfahrung, die wir jetzt sammeln, wird unser Leben für immer prägen. Das Kunstleben reflektiert die neue Realität ... 

Anlässlich der Corona Intra Views bieten wir über die Galerie drei TransForm-Arbeiten von Boriana Pertchinska an. Anfragen bitte an Christian Kneisel (christian.kneisel@feinart-berlin.de / +49 157 38782854) oder Maria Wirth (maria.wirth@feinart-berlin.de / +49 172 1642919).

Boriana Pertchinska
Herbarium I
Diptychon, Pigmente, Acryl auf Jute unter Plexiglas, 
54 x 36cm, 2017
1500€

Boriana Pertchinska
Alyce im Spiegelland-TransForm
Diptychon, Pigmente, Acryl auf Jute unter Plexiglas, 
120 x 80cm, 2018
5000€

Boriana Pertchinska
Herbarium II
Diptychon, Pigmente, Acryl auf Jute unter Plexiglas,
54 x 36cm, 2017
1500€

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