Corona Intra View no.15: Jan Beumelburg

Die vielbeschworene Ruhe und Entschleunigung, von der viele reden und die auch Teile meines engeren Bekanntenkreises erfuhren, konnte ich bisher leider nicht für mich verbuchen...jedenfalls nicht was die Arbeitsbelastung durch hastig abgearbeitete Aufträge in Folge des Wegbrechens anderer Einkünfte betraf. 

Aber die ersten Wochen der Pandemie, als die Straßen merklich leerer wurden und sich fast wie Sonntage anfühlten, konnte ich dankbar genießen. Angesichts der unsichtbaren Bedrohung, der Gleichzeitigkeit des Stillstands des öffentlichen Lebens und dem unglaublich schönen Wetter wuchs in mir das Bewußtsein für die Absurdität dieser Situation. Man glaubte auf der Straße müssten jeden Augenblick Zombies erscheinen, schrecklich zugerichtete Untote, die Beatmungsgeräte hinter sich herschleifen, in deren Schläuchen sich infizierte Krankenpfleger verfangen und mit gezerrt würden, - aber stattdessen überall nur heile Welt, die erstaunlich leer war. Für Großstädter, scheint mir, ist eine entleerte Stadt schon immer das größtmögliche Horrorszenario gewesen ... Kleinstädtern wie mir ist dieser Anblick vertraut.

Und doch – so leer hat man selbst eine Kleinstadt selten erlebt und das war ein sonderbares neues Gefühl, das erst einmal im Hirn verankert werden wollte. In den Nachrichten wurde 24 Stunden lang die existenzielle Bedrohung beschworen und bebildert und im Außen suchte man dagegen vergebens nach Anzeichen der Bedrohung.

In früheren Diskussionen, wenn es um Kindererziehung, Bildung oder die Verdummung unserer Gesellschaft ging, hatte ich manchmal die Vermutung geäußert, das ein Teil des Problems unserer Gesellschaft darin läge, das es eben keine wirklich existenzielle Bedrohung mehr gibt und das eben diese Abwesenheit von existenzieller Not dazu führt, das sich die Leute von allem Möglichen bedroht fühlen: wenn das Lieblingsmüsli im Supermarkt ausverkauft ist, wenn der Fernsehempfang unterbrochen wurde oder der Regen zur falschen Zeit vom Himmel fällt... Ich will sagen, es ist ein bisschen so wie in der 'Vakuum"-Forschung (ein Artikel darüber hatte ich vor vielen Jahren mal in einer wissenschaftlichen Fachzeitschrift gelesen): wenn man versucht, einen annähernd teilchenfreien Raum zu erzeugen, bilden sich, quasi aus dem Nichts heraus, neue Teilchen (...und die dahinterstehende Vermutung ist, das sich in einem absolut teilchenfreien Raum ein neues Universum bilden würde, weil sozusagen die Membran zwischen Geist und Materie durchbrochen wird...). Mit der Not verhält es sich ähnlich. Die Abwesenheit von echter Not erzeugt eine riesige Menge von falschen Nöten. 

Kinder haben, wie ich finde, ein sehr feines Sensorium dafür und spiegeln in ihrem Symptome-Mix aus Aufmerksamkeitsstörung, Quängelei oder pubertärer Lethargie lediglich die innere Leere der Erwachsenen, denen es an einer existenziellen Herausforderung im echten Leben fehlt. Das erklärt, glaube ich, auch die insgeheime Lust am Unglück, dem verstohlen erregten Blick auf Flugzeugabstürze und Naturkatastrophen...Und diese Lust meine ich auch gespürt zu haben, bei mir und anderen. Eine sehr paradoxe Lust, die mit wirklichem Schrecken einhergeht. Ein Spiel mit der Möglichkeit, daß das Leben sich über Nacht ändern und dem Erschrecken darüber, das es auch den eigenen Tod zur Folge haben könnte. Ohne das ich die Erfahrung einer solchen Pandemie jemals für möglich gehalten hätte verarbeite ich in meinen Bildern ganz ähnliche paradoxe Gefühle... hinter scheinbar harmlosen oder idyllischen Konstellationen lauern Gefühle der Bedrohung und Unsicherheit,- die Räume sind nicht so begehbar wie sie zu sein scheinen und immer wieder tun sich andere Räume oder Nischen auf, welche die begreifbare Welt in Frage zu stellen scheinen.

Ob aus dem allen eine tiefgehende Veränderung in der Gesellschaft erwächst bleibt abzuwarten. Ich denke, das diese Ausnahmeerfahrung einen nicht zu unterschätzenden Impuls oder besser gesagt eine andere Form von Energie in unser aller Leben gebracht hat und das sich das in der privaten Selbstvergewisserung, dem gesellschaftlichen Austausch und natürlich auch im künstlerischen Schaffen zeigen wird, aber – es wird sich ganz langsam etwas verändern, vielleicht kaum spürbar. Und meine Hoffnung ist, das wir vielleicht wieder mehr Gefühl für uns selbst bekommen und dafür, das sich etwas in uns entwickeln darf, langsam und vielleicht nicht mitteilbar. Das Freiheit und Sicherheit keine Wohlstandsblasen sind, sondern das wirkliche Freiheit die Abwesenheit von Sicherheit bedeutet, das erst aus der existenziellen Bedrohung eine wirkliche Autonomie erwachsen kann und das Sicherheit eine schöne Utopie bleibt. Und zu guter Letzt, das nicht die Medien darüber die Deutungsmehrheit behalten sollten, sondern das etwas sehr Wichtiges geschehen kann, auch ohne das es in Worten und endlosen Talkshow-Formaten bis hin zur Unkenntlichkeit medial zugrunde gerichtet wird. Das wir unser Leben wirklich 'selbst' leben und nicht versuchen Anderen beim leben zuzuschauen.

Jan Beumelburg / -Verwandlungsamt- / Gedanken zur Corona-Krise 5/2020

Anlässlich der Corona Intra Views bieten wir über die Galerie drei Gemälde von Jan Beumelburg an.
Anfragen bitte an Christian Kneisel (christian.kneisel@feinart-berlin.de / +49 157 38782854) oder Maria Wirth (maria.wirth@feinart-berlin.de / +49 172 1642919).

Jan Beumelburg
Affenbande
Öl auf Leinwand, 60 x 50cm, 2019
2700€

Jan Beumelburg
Spring
Öl auf Leinwand, 75 x 120 cm, 2020
4800€

Jan Beumelburg
 Wellen
Öl auf Leinwand, 50 x 50cm, 2020
2500€ 


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